Zecken-übertragene Lyme Borreliose (Überblick)
Die durch das Bakterium Borrelia burgdorferi verursachte Lyme-Borreliose (Synonyme: Lyme-Krankheit, Zecken-Borreliose, umgangssprachliche Kurzform: Borreliose) ist in der nördlichen Hemisphäre die häufigste durch Zecken übertragene Infektionskrankheit, an der nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts jedes Jahr in Deutschland etwa 80.000 bis 230.000 Menschen erkranken.
Die Lyme-Borreliose wurde bislang nicht in das Infektionsschutzgesetz aufgenommen, sondern ist lediglich aufgrund landesrechtlicher Regelungen seit Anfang der 90er Jahre in den Ländern Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen meldepflichtig. Im Juli 2011 haben auch das Saarland und Rheinland-Pfalz eine entsprechende Meldepflichtsregelung eingeführt.
Während die ebenfalls durch Zecken übertragene Virus-Krankheit Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), die zu etwa 300 bis 500 jährlichen Neuerkrankungen führt, nur in einigen Regionen Deutschlands auftritt, kommt die Lyme-Borreliose in ganz Deutschland vor. Eine Impfung ist nur gegen die ebenfalls durch Zecken übertragenen FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis) möglich. Ein Impfstoff gegen die Lyme-Borreliose ist zur Zeit nicht auf dem Markt. Ebenso ist bislang keine Impfung gegen die weiteren zecken-übertragenen Infektionskrankheiten möglich.
Lyme-Borreliose ist eine multiorganische Infektionskrankheit mit einem breiten Spektrum an Erkrankungsformen, die sich jedoch
bevorzugt im Bereich der Haut, der Nerven, des Gelenk- und Muskelsystems sowie des Herzens manifestiert. Eine diagnostische Einschätzung aufgrund des klinischen Bildes und des Krankheitsverlaufs kann sich schwierig gestalten, da eine Infektion mit Borrelia burgdorferi nicht nur sehr typische Leitsymptome, sondern auch zahlreiche Symptome verursachen kann wie sie auch bei Krankheiten anderer Ursache vorkommen, die Symptomatik vor allem im Frühstadium unspezifisch und wechselhaft sein kann und längere symptomfreie Inkubations- und Latenzphasen mit einem (erneuten) Ausbruch der Krankheit nach Monaten oder sogar Jahren möglich sind. Das Krankheitsbild der Lyme-Borreliose ist nach wie vor nicht abschließend erforscht, beschrieben und definiert.
Die Borrelien-Labordiagnostik basiert primär auf indirekten serologischen Methoden, wie ELISA bzw. EIA und Immuno- bzw. Westernblot. Mit diesen Tests können lediglich die Antikörper festgestellt werden, die sich in der Auseinandersetzung mit dem Erreger gebildet haben. Eine Aussage über eine Erregeraktivität ist damit nicht möglich. Sie sind deshalb auch nicht zur Therapiekontrolle geeignet. Bei inzwischen guter Spezifität weist die Borrelien-Serologie immer noch eine unzureichende Sensitivität auf, insbesondere im Frühstadium. Labor-Methoden zum direkten Erregernachweis mittels Kultur oder alternativ der DNA-Nachweis (Erbgut des Erregers) mit PCR kommen in der Routinediagnostik auch dann meist nicht zur Anwendung, wenn dies angezeigt wäre. Diese Methoden weisen zudem nach wie vor ebenfalls eine zu geringe Sensitivität auf, weshalb bei einem negativen Ergebnis eine akute oder persistierende Lyme-Borreliose nicht mit einer ausreichend hohen Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden kann. Da die Borrelien-Labordiagnostik bislang unzureichend standardisiert ist und auch keine Ringversuchspflicht besteht, sind über 50 Tests mit unterschiedlicher Qualität auf dem Markt. Es kann deshalb sein, dass ein Patient in dem einen Labor positive und in einem anderen negative Ergebnisse aufweist. Sowohl das positive sowie auch das negative Ergebnis können falsch sein.
Studien in vitro und an Tieren zeigen, dass Borrelia burgdorferi über zahlreiche Persistenzmechanismen verfügt, die es dem Erreger ermöglichen, sich den Abwehrstrategien des Immunsystems zu entziehen. Deshalb wird davon ausgegangen, dass die unbehandelte oder unzureichend mit Antibiotika therapierte Lyme-Borreliose eine vom Grunde her zur Chronifizierung neigende Krankheit ist. Zahlreiche Faktoren der Pathogenese sind jedoch nach wie vor ungeklärt.
Lyme-Borreliose ist eine vom Grunde her mit Antibiotika heilbar Krankheit, vorausgesetzt sie wird rechtzeitig erkannt und ausreichend behandelt. Das vorhandene Studienmaterial zur Antibiotika-Behandlung (Art des Antibiotikums, Dosierung, Behandlungsdauer, Therapiewiederholungen) je nach schwerpunktmäßiger Erkrankungsform und Krankheitsstadium ist jedoch unzureichend und zum Teil bezüglich der Ergebnisse diskrepant.
Vor diesem Hintergrund gibt es seit vielen Jahren vehemente medizinische Kontroversen über fast alle wesentlichen Aspekte der Lyme-Borreliose, die in den USA seit Anfang der 90er Jahre zu massiven öffentlichen Auseinandersetzungen führen - und die in der Art und Weise, wie sie ausgetragen werden, sicherlich in der Medzinwelt ihresgleichen suchen.
Es ist davon auszugehen, dass bei vielen Patienten in Deutschland
Da es sich bei der Lyme-Borreliose um eine vom Grunde her mit Antibiotika ursächlich heilbare Krankheit handelt, kann es für einen Patienten fatal sein, wenn sie als Krankheit anderer Ursache fehldiagnostiziert wird und deshalb eine Antibiotika-Therapie unterbleibt und statt dessen eine lediglich symptomatische Behandlung erfolgt. Aber es ist ebenso problematisch, wenn fälschlicherweise eine Lyme-Borreliose diagnostiziert, eine Anbiotika-Therapie durchgeführt und eine andere wirksamere Behandlung unterlassen wird.
Kontroverse Diskussion über den Film von ARTE "Zecken-Borreliose Unterschätzte Gefahr oder eingebildete Krankheit?"
Der Beitrag wurde 3. Mai 2012 gesendet und am 05.05.2012 und 13.05.2012 wiederholt. Der Film wird für sieben Tage online gestellt: Unterschätzte Gefahr oder eingebildete Krankheit?
Der Filmbeitrag hat zu heftigen Reaktionen geführt:
- Kommentare können auf der ARTE-Seite nachgelesen werden.
- Deutsche Borreliose Gesellschaft e.V. Gegendarstellung vom 10.5.2012
- FSME und Borreliose Bund Stellungnahme Mai 2012
Die Redakteure des Films haben am 15.5.2012 eine Stellungnahme zu den Kommentaren und Beschwerden online gestellt, in der sie auch einen Auszug aus einem Artikel (Personal View) der amerikanischen Wissenschaftler Auwaerter PG, Bakken JS, Dattwyler RJ, Dumler JS, Halperin JJ, McSweegan E, Nadelman RB, O'Connell S, Shapiro ED, Sood SK, Steere AC, Weinstein A, Wormser GP. (überwiegend Autoren der amerikanischen Lyme-Borreliose-Leitlinie der IDSA) als Beleg für ihre Darstellungsweise anführen:
Antiscience and ethical concerns associated with advocacy of Lyme disease. 2011
Die bisherigen Diskussionsbeiträge sowie die Antwort von Auwärter et al. sind online im Lancet nachzulesen.
Siehe hierzu auch die Informationen unter Kontroversen
Jutta Zacharias
Lyme Borreliose
Medizinische Kontroversen - Fakten, Mythen und Verwirrungen
Aktualisierte Auflage 2012
ISBN-13: 978-3837044706
(Erhältlich im Internetbuchhandel und beim Buchhändler vor Ort)
Die aktuelle Version ist bei Libri erhältlich.
Hinweise
1. Die Homepage wurde 2001 online gestellt, um auf die Probleme bei der Diagnostik, Behandlung und Therapiekontrolle der Lyme-Borreliose aufmerksam zu machen und eine verbesserte Daten-, Forschungs- und Versorgungslage zu erreichen. Die damit zusammenhängende Kritik an den etablierten konventionellen Diagnose- und Therapieverfahren kann jedoch nicht zu dem Kurzschluss führen, dass nun all diejenigen Recht hätten, die davon erheblich abweichen.
2. Es wird auf dieser Seite auf eine unkritische Darstellung von Verfahren verzichtet, deren diagnostische Leistungsfähigkeit und therapeutische Wirksamkeit bei Krankheiten ansich und bei der Lyme-Borreliose im Speziellen noch nicht einmal ansatzweise belegt wurde. Denn ein entsprechender Nachweis muss von denjenigen geführt werden, die damit Geld verdienen - und zwar unabhängig davon, ob ein Verfahren als "schulmedizinisch", "konventionell", "alternativ", "natürlich" oder "ganzheitlich" bezeichnet wird.
Und "Therapiefreiheit bedeutet nicht Therapiebeliebigkeit. Jeder Patient hat Anspruch darauf, mit nachweislich wirksamen Arzneimitteln behandelt zu werden, wie umgekehrt der Arzt die Pflicht hat, auch die Richtigkeit seines Tuns unter Beweis zu stellen." ( Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft 1998)
3. Zur Epidemiologie, Prävention, Pathogenese, Krankheitsbild, Verlauf, Diagnostik und Therapie der Lyme-Borreliose gibt es mittlerweile über 8.000 Studien sowie mehrer Tausend Reviews und Fachartikel, die jedoch eine sehr unterschiedliche Qualität aufweisen und zum Teil zu diskrepanten Ergebnissen kommen. Deshalb sollten alle Angaben zur Lyme-Borreliose und den weiteren zecken-übertragenen Infektionskrankheiten kritisch hinterfragt werden. Das gilt auch für die Ausführungen auf dieser Seite.
Es ist natürlich nicht möglich, an dieser Stelle die gesamte primäre und sekundäre Literatur zu verlinken. Datenbanken und weitere Informationsquellen sind unter Ressourcen zu finden.